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2. März bis 23. April
Vorabendprogramm
Erste Erwerbungen der Twodo Collection:
Artwork des GALA Committee für die Fernsehserie Melrose Place,
initiiert von Mel Chin.
Product Placement in der Videoserie Melrose Plays,
produziert von haus.0 Stuttgart, Fareed Armaly und Rainer Kirberg.
Nach einer Idee von Wilhelm Schürmann.
Im
Herbst 1998 gründeten 10 engagierte Mitglieder und Freunde des
Neuen Aachener Kunstvereins die Twodo Collection, eine Gruppe, die
sowohl als Förderer als auch als Sammler neue Ideen vertreten
will. Seit Anfang 1999 sichert diese Gruppe die hauptamtliche Leitung
im NAK - in einer kollektiv gedachten Form von Privatfinanzierung, die
national und international beispiellos ist. In der kommenden
Ausstellung stellt sie nun ihr kollektives Sammlungskonzept erstmalig
öffentlich vor.
Das Modell der Twodo Collection, konzipiert
von Wilhelm Schürmann, Sammler und Mitglied des
künstlerischen Beirats im NAK, ist ein Kreis von 24 (twodo = two
dozen) Privatpersonen, die durch eine jährliche Spende von je
2.500 DM gemeinsam 60.000 DM für das Honorar des Kunstvereins zur
Verfügung stellen. Alle Personen verpflichten sich langfristig
(auf mindestens drei Jahre) zur Spende dieser Summe. Der Kreis bleibt
indes begrenzt auf die Zahl 24 und kann - sobald vollzählig - nur
nach einem Ausscheiden neue Personen aufnehmen.
Die zweite
Idee dieser Gruppe, der Aufbau einer kollektiven Sammlung, ist von der
Wahrnehmung einer neuen sammlerischen Chance bestimmt, die sich nicht
mehr durch den individuellen Kauf von Objekten, sondern durch eine
Bewahrung von künstlerischen Ideen bzw. eine aktive Partizipation
an ihnen definiert. In einem längeren Diskussionsprozess ist das
Verfahren dieser Konzeption festgelegt worden: eine gemeinsame
Entscheidung für ein künstlerisches Projekt unter besonderer
Betrachtung seiner kommunikativen und interaktiven Intention und seiner
Zeichenhaftigkeit für neue künstlerische Modalitäten;
ausgewählt allerdings auch im Hinblick darauf, dass jedes "Twodo"
-Mitglied einen Teil dieses Projekts privat in Besitz nehmen kann,
jedoch zugleich darum weiß, dass alle Einzelteile ein Gesamtwerk
darstellen.
Die Ausstellung "Vorabendprogramm" stellt die erste
Entscheidung der Twodo Collection vor. Zu sehen sind "Artworks", d.h.
Requisiten, Inventar- und Ausstattungsstücke für die
amerikanische Fernsehserie "Melrose Place", realisiert von über
100 Mitgliedern des "GALA Committee" für die Sendefolgen der Jahre
1997 und 1998 dieser erfolgreichen und weltweit verbreiteten Soap Opera
(vgl. auch beiliegende Informationen). Das Projekt wurde 1995 vondem
chinesisch-amerikanischen Künstler Mel Chin anläßlich
seiner Einladung zur Ausstellung "Uncommon Sense" im Museum of
Contemporary Art in Los Angeles (1997) initiiert und stellt sich als
eine komplexe, zuvor nie erprobte Kollaboration zwischen
Künstlern, Museum und Fernsehen dar. Das TV-"Prime Time"-(bzw. in
Deutschland Vorabend-) Programm wurde als optimaler Ort einer
künstlerischen Intervention ( und "a massive condition for
collaboration") entdeckt: in rund 50 Serienfolgen stand ein
Millionenpublikum zur Verfügung - eine im Ausstellungskontext des
‚White Cube‘ unvorstellbare Dimension.
Mehr als
120 Ausstattungsgegenstände wurden produziert, von Möbeln
über Gemälde - für die Malerin Samantha, im
"hockneyesken" Stil - bis hin zu eingestreuten Objekten und
Zeichencodes, die beispielsweise auf Fast-Food-Tüten oder
Bettbezügen erschienen. Das von Mel Chin initiierte GALA Committee
umfasste 102 Künsterlinnen und Künstler, die über einen
Zeitraum von zwei Jahrenfrei arbeiten konnten: vermittels ihrer Objekte
wurden Inhalte vermittelt, die "viral" (Mel Chin) d.h. medienkritisch,
politisch und sozial eingriffen - und natürlich überall, wo
‚Melrose Place‘ zu sehen ist, global wahrnehmbar wurden.
Die
Twodo Collection erwarb mehr als 50 der hergestelltenObjekte in einer
Benefizauktion bei Sotheby"s in Beverly Hills, Kalifornien, die im
November 1998 den Abschluss des Kunstprojekts bildete. Die Ausstellung
im NAK zeigt einen Teil dieser Sammlung in enger Abstimmung mit Mel
Chin, ergänzt durch jene Folgen von "Melrose Place", in denen man
ihren medialen Einsatz nachprüfen kann.
Zudem wird das
zweite Projekt der Twodo Collection vorgestellt, dessen Erwerb wiederum
eine Gemeinschaftsarbeit zu "Melrose Place" ist (vgl. auch beiliegenden
Text). Der amerikanische Künstler Fareed Armaly, seit Anfang 1999
Leiter des Künstlerhauses Stuttgart, erhielt zur Eröffnung
seines dortigen Programms "haus.0" die "Melrose Place Bar" als
temporäre Leihgabe der Twodo Collection. Ab März ist diese
Bar nicht mehr nur sozialer Treffpunkt im "haus.0", sondern auch
Drehort der Videoserie "Melrose Plays", die Armaly zur Zeit gemeinsam
mit dem Regisseur und Drehbuchautor Rainer Kirberg produziert: Thema
der "Melrose Plays" ist Alltagsleben in Deutschland, komprimiert
gefilmt mittels der Bar als Kommunikationsort/"Interface" (Fareed
Armaly) und einem Plot, der das Genre ‚Soap‘ mit dem
öffentlichen Image der Stadt Stuttgart verbindet.
Entsprechend
dem bekannten Product Placement in heutigen Filmen haben die Mitglieder
der Twodo Collection die Anregung von Fareed Armaly aufgenommen, ein
für sie entworfenes Konzept von Product Placement als zweiten
‚Coup‘ ihrer Gemeinschaftssammlung zu wählen. Das
Projekt ‚Melrose Plays‘ und das Konzept ‚Placement"
für die Twodo Collection werden im aktuellen Stand der Produktion
gezeigt, mit Filmskripts und -skizzen von Rainer Kirberg und Fareed
Armaly in einem Präsentationsentwurf von Fareed Armaly.
Nähere Informationen zu Melrose Place/GALA Committee und Melrose Plays/haus.0.
IN THE NAME OF THE PLACE
MELROSE Place Artwork produced by the GALA Committee
Das
Künstlerprojekt GALA Committee wurde 1995 initiiert von dem
chinesisch-amerikanischen Künstler Mel Chin, New York, auf
Einladung des Los Angeles Museum of Contemporary Art (MOCA) zur
Ausstellung "Uncommon Sense", einer Gruppenausstellung für das
Jahr 1997, die Möglichkeiten öffentlicher Interaktion in der
aktuellen Kunst zu thematisieren suchte.
GALA Committee
wählte ein erfolgreiches "Prime Time" Programm, die täglich
ausgestrahlte Serie "Melrose Place", aus, und gewann deren
Produktionsfirma Spelling Entertainment Group Inc. als offiziellen
Auftraggeber für die Umsetzung ihres Konzepts "In the Name of the
Place". Für eine Laufzeit von zwei Sendestaffeln produzierte das
GALA Committee mehr als 150 Requisiten zur filmischen Handlung,
"artworks", die über Gemälde (für die malende
Hauptdarstellerin Samantha), Plakate und weitere Wandgestaltung bis hin
zu persönlichem Schmuck, Möbeln, Bettwäsche und
Fast-Food-Tüten reichte.
Das Ergebnis der Produktion "In
the Name of the Place" ist in der aktuell gesendeten Staffel von
"Melrose Place" bei RTL zu sehen: von vielen Zuschauern unbemerkt, sind
reflexive und medienkritische Zeichen in das Geschehen eingestreut,
Requisiten der "soap"-Handlung, die wie Viren in die Handlungen und
Orte implantiert sind und in einigen Fällen auch mit dem Motiv
"Virus" erkennbar ins Bildfeld rücken. Die kontinuierliche
Präsenz dieser Zeichen zieht sich - nach den internen Codes der
"Melrose Place"- Produktionsfirma - von Folge Prod. Nr. 2395114 -
2397184.
Das GALA Committee umfasste ein Netzwerk von 102
mitwirkenden Künstlerinnen und Künstlern in den USA, die
Entwürfe lieferten, gemeinsam die Auswahl trafen und über
jeweilige Objektproduktionen entschieden. Zentrale Idee des Initiators
Mel Chin war es, eine künstlerische Zusammenarbeit zu initiieren,
welche dem Produktionsystem Fernsehen entspricht, d.h. als eine
"massive condition of collaboration", die zwischen Einzelpersonen,
Institutionen und Interessen besteht und zugleich eine Instanz von
Massenwirkung bedeutet, welche dieser massenmedialen Produktionsform zu
eigen ist.
Den Abschluss des Projekts GALA Committee bildete
eine Auktion der "art works", die am 12. November bei Sotheby"s in
Beverly Hills, Kalifornien, stattfand. Die Versteigerung wurde als
Benefiz-Auktion realisiert; die Erlöse gingen zu gleichen Teilen
an den Fullfilment Fond zur Förderung von Schul- und
Ausbildungsstipendien für Mädchen und junge Frauen in Los
Angeles, und an die Jeannette Rankin Foundation in Georgia, einer
Stiftung für Werk- und Ausbildungsstipendien für arbeitslose
Frauen ab 35.
Die Gründungsmitglieder der soeben
iniitiierten Twodo Collection waren angenehm überrascht
darüber, am 12. November 1998 außerordentlich viele, d.h.
mehr als die Hälfte aller angebotenen Objekte des Projekts
ersteigern zu können. Ursache war sicherlich der anonyme,
signaturlose Status dieser künstlerischen Produkte. Sie erschienen
allerdings im Fernsehen, weltweit, massenwirksam und wiederholt.
Und sie können vermutlich als Dokumente des ersten konzeptuellen
Kunstwerks in diesem Massenmedium bezeichnet werden.
1995 Gründung des GALA Committee
1995-98 Produktionsauftrag für die Spelling Entertainment Group Inc.
Sendestaffeln 1997-98
1997 Ausstellung Museum of Contemporary Art, Los Angeles, CA
1997 Ausstellung Grand Arts, Kansas City, MO
1998 Ausstellung Lawing Gallery, Houston, TX (Auswahl)
1998 Erwerb von 52 Objekten durch die Twodo Collection
1999 Dauerleihgabe der "Melrose Place Bar" an Fareed Armaly,
Künstlerhaus Stuttgart
2000 Einrichtung der Website "In the Name of the Place"
(Fertigstellung März)
Ausstellung der Erwerbungen der Twodo Collection im
Neuen Aachener Kunstverein, nach einem Entwurf von Mel Chin,
ergänzt durch das folgende Twodo-Projekt "Melrose Plays" von
Fareed Armaly
(aus: Prime Time. Contemporary Art. Art by the GALA Committee As Seen on Melrose Place, Auktionskatalog
12. November 1998, Sotheby‘s Beverly Hills, CA.
MELROSE PLAYS Placement - Ein Vorschlag für eine Sammlergruppe,
der sowohl individuelle als auch Gruppen-Variablen erlaubt.
Fareed Armaly 29/11/99
Hintergrund:
In
den achtziger Jahren kam in Hollywood-Filmen das Phänomen des
"product placement" auf. Es gehört zu einer Ära, in der
Konzerne die großen Hollywood-Studios übernommen haben und
zugleich Sponsoren-bzw. Finanzierungsagenturen stark geworden sind.
Das
gemeinsame Konzept heißt "Synergie" und bedeutet, dass
Marketingabteilungen die Hollywoodfilme bestimmen. So begann die
Konvention der Sponsorenlisten im Nachspann, und ebenso das
demonstrative Erscheinen von Sponsoren- (bzw. Eigen-) Produkten in
Filmszenen. Bekannte Beispiele sind Getränke ( Coke, Pepsi usw.),
Spielzeuge, Waffen, Autos, Mobiltelefone und Zeitungen, deren deutlich
emblematische Zeichen ( Label/Logo positioniert in perfekter
Kameraposition) ganz leicht in das jeweilige Geschehen integriert
werden können.
Einführung:
Ab Ende Januar 2000
wird die Melrose Place Bar eine neue Funktion als Kulisse für die
"Melrose Plays" erhalten, eine Videoserie, die von haus.0 mit dem
Regisseur Rainer Kirberg produziert wird. Das Projekt "Melrose Plays"
soll einen wesentlichen Aspekt des Programms von haus.0 darlegen: die
Thematisierung von Arbeits- und Produktions-verfahren in den Medien.
Gemeinsam mit Rainer Kirberg habe ich bereits "Program" erarbeitet, ein
Projekt im Fernsehformat, das auf Einladung der Hamburger
Kulturbehörde als eine Befragung öffentlicher Kunst-Parameter
initiiert wurde. Der Erfolg dieser Serie von Monologen lag in ihrer
kurzen und konzentrierten Form, sowie in der Integration von
Medienstudenten der Universität Hamburg, Interviews, einem
Script-System und dem öffentlich-kulturellen Gedächtnis des
Fernsehens, ergänzt durch Musik von Mouse on Mars.
Ähnlich
wie "Program" stellen sich die "Melrose Plays" als kurze und
konzentrierte "Vignetten" einer Personengruppe in der Melrose-Bar dar.
Die Bar einer "daily soap" ist immer eine Art "interface", wichtig als
der Ort, an dem sich alle verschiedenen Handlungs-stränge
durchkreuzen. Das ist bedeutend für das Konzept der Barsituation
in haus.0. Es heißt zunächst, ein Schema zu entwickeln, das
die beteiligten Charaktere vorstellt.
Aus dem Schema wird ein
Skript entwickelt, mit Material von realen Interviews und
Äußerungen von Menschen in Stuttgart, d.h. eine
Komprimierung von gefundenen, alltäglichen Situationen in dieser
Stadt. Die "Melrose Plays" wählen einen Plot mit Personen, die den
kulturellen Mix in Deutschland repräsentieren, speziell sichtbar
in Stuttgart, jetzt auch mit denjenigen Menschen, die haus.0 besuchen.
Zugleich reflektieren sie die Vorstellung eines amerikanischen
Fernsehschauplatzes, situiert an einem deutschen Ort ("a german
conciousness").
"Placement"
"Placement" ist eine Arbeit,
die die "Melrose Plays" erweitert um die Reflexion der
Unterstützung und jener wechselseitigen Auseinandersetzung ("rates
of exchange"), welche die Melrose Place Bar in das haus.0
hineinbrachte. Zugleich addressiert es die "separate-but-all-together"-
Natur einer Sammlergruppe.
"Placement" ist eine Arbeit, die
innerhalb der "Melrose Plays" individuell erstellte Logos bzw.
emblematische Zeichen der Sammler einführt. Diese Zeichen werden
auf irgendeinem Objekt oder Träger fixiert, der in der Situation
oder Szene gut funktioniert. Und genauso wie im "product placement"
wird jeweils nach einer Balance zwischen dem dargestellten Emblem und
der aktuellen Szene gesucht.
Somit führt diese Arbeit in
eine klare Relation zwischen kreativer Medienarbeit, der
Unterstützung und dem Austausch ein, und zugleich in das Konzept
der Medienproduktion und der Rolle von haus.0. Darüberhinaus
erweitert sie die ursprüngliche Logik der Flaschen des GALA
Committee in der Melrose Place Bar, jetzt restrukturiert für die
neue Logik der "Melrose Plays" und der Sammlergruppe.
Um diesem
Projekt einen ideell und preislich adäquaten Rahmen zu geben -
d.h. jedem Sammler eine individuelle Arbeit und der Gruppe ein
gemeinsames Gruppenformat -, könnte man sich entsprechend dieser
Termini eine Serie von Kunstwerken vorstellen, die ich nach dem
individuell gewünschten Placement der beteiligten Sammler
entwickeln würde. Das bedeutet, dass ich der vom GALA Committee
inszenierten Tücke der Details (the "devil in the details") mit
neu gestalteten Labels auf den Flaschen der Melrose Place Bar folgen
würde. Diese Verwandlung würde Wege anzeigen, andere
Schlüssel ("clues") in den szenischen Plot hineinzubringen; z.b.
durch eine Zeitung mit speziellem Bild, Schlagzeile o.ä., also
Details, die mitten in der Szene sichtbar werden...
Da hierbei
mit dem Medienformat gearbeitet wird, schlage ich vor, dass wir
gemeinsam ein allgemeines Preissystem für die Gruppe diskutieren
und ich eine spezifische Form für jeden der beteiligten Sammler
entwickle. Es sollte erwähnt werden, dass dies singuläre
Werke in einem größeren Gruppenprojekt werden, welche die
Idee ("value") der originalen Melrose Place Bar / GALA
Committee-Erwerbung erweitern.
Jeder beteiligte Sammler
würde eine Wandarbeit erwerben. Diese stellt die gesamte Idee dar,
mit einer Fotografie, welche den Moment des "product placements" zeigt,
sowie dem Emblem bzw. Produkt selbst und einer Beschreibung des
Konzepts und (meines) Tauschs. Im "Gruppenformat" könnte eine
Addition realisiert werden: eine neue "neutrale" Flügelwand für
die Melrose Place Bar, mit einer eingebauten Vitrine entsprechend der
bestehenden Bar, für die ich eine spezielle Gestaltung vorschlage.
Dies ist ein erster Entwurf und ich würde mich freuen, diese Idee in Gesprächen weiterzuführen.
Herzlichst Ihr
Fareed Armaly
29/11/99
(Übersetzung aus dem Amerikanischen;NAK)
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